Essay

Haben Sie schon einmal ein altes Buch weggeworfen? Wenn ja, stehen Sie in den Augen mancher Leute in der Tradition der Bücherverbrennungen im Dritten Reich.
Wie – Sie haben aber gar kein schlechtes Gewissen? Brauchen Sie auch nicht, aber fühlen Sie sich herzlich willkommen in einer Diskussion zum „book bashing“.

In der bisherigen Laufzeit des Projekts stoßen wir immer wieder auf irritierte Gesichter oder sogar spontane Ablehnung, wenn es darum geht, Bücher physisch zu zerstören. Zu leicht drängt sich die Assoziation mit den Bücherverbrennungen während der NS-Zeit auf – auch uns. Auf der einen Seite freut mich das sehr, zeigt es doch, dass Greueltaten aus der NS-Zeit aktiv im Bewusstsein vieler Deutscher sind und dass sie vor allem bereit und fähig sind, heutige Entwicklungen mit damaligen in Verbindung zu setzen.

Auf der anderen Seite mündet dieses Engagement allzu schnell in reflexartige Überreaktionen und oft wird dann wenig differenziert. Und die wenigsten Vorgänge, bei denen heutzutage Bücher zerstört werden, zielen auch nur entfernt auf das ab, was die Nazis im Dritten Reich beabsichtigt hatten.

Book bashing steht Bücherverbrennungen klar entgegen
Die Bücherverbrennungen von Mai und Juni 1933 waren ein abscheulicher Ausdruck der Verachtung von Menschen und – darüber hinaus noch – deren Gefühls-, Gedanken- und Ansichtswelt. Ausgerechnet Studenten ging es darum, Schriftsteller nicht nur in ihrer Eigenschaft als Autor zu diskreditieren, sondern sie direkt als Menschen anzugreifen und sie möglichst vollkommen zu vernichten. Wenn die Menschen schon vertrieben oder gar getötet waren, sollte nun auch ihr Vermächtnis vernichtet werden; zum einen einfach aus blinder Wut und Hass. Zum anderen wurden die in den Büchern enthaltenen Ansichten als für die nationale Sache gefährlich angesehen und der Bevölkerung sollte aktiv die Möglichkeit genommen werden, sich mit Gedanken zu beschäftigen, die den nationalsozialistischen entgegenstanden. Die bösartige Idee, die Bevölkerung bewusst und absichtlich geistig verarmen zu lassen – natürlich zum Zweck einer leichteren Kontrolle –, wurde von George Orwell in seinem Meisterwerk „1984“ aufgegriffen und intensiv dargestellt. Neben der Vernichtung von Büchern mit freiheitlichen Gedankengut geht die Regierung in „1984“ sogar noch weiter und fälscht „historische“ Dokumente, um die Unterdrückung der Bevölkerung aus der Geschichte heraus zu erklären und zu rechtfertigen. Damit richtet sich ein solches Vorgehen nicht nur gegen Autoren und deren Werke, sondern in gleichem Masse und auf noch perfidere Art gegen die Bevölkerung; die Nazis haben durch die Bücherverbrennung nicht nur Werke zerstört, sondern gleichzeitig der Bevölkerung vorgeschrieben, was zu lesen und was zu verachten sei.

Book bashing ist völlig anders. Niemand hat hier im Sinn, ein literarisches Werk oder gar den Autoren anzugreifen. Im Gegenteil – wir achten bei allen Performances und Dokumentation streng darauf, dass Werk und Autor mehrfach genannt werden und dass immer wieder Passagen aus dem gebashten Buch vorgelesen werden. Das Buch steht vollkommen im Mittelpunkt des Interesses und erlebt einen letzten, spektakulären Höhepunkt. Wir bringen damit den Büchern eine weitaus größere Ehre entgegen als wenn wir es mit dem Hausmüll zusammen in den nächsten Altpapiercontainer gelegt hätten. Wir zollen den Büchern Ehre und haben eine letzte schöne Zeit zusammen.
Allen gebashten Büchern wären ohne unser Projekt ein rascher, stiller und einsamer Tod sicher gewesen. Verschiedene Versuche, die Bücher bei Freunden und über ebay noch einmal zum Leben zu erwecken, waren vollends gescheitert (es drohte gewissermaßen das soziale Aus ?). Erst jetzt hatte Anke Miksch die Idee zum book bashing. Wenn es uns also gelingt, das eine oder andere Buch durch die Transformation via book bashing in Videoclips und das große Abschlußbuch in eine neue Form der Erinnerung zu bringen, haben wir unser Ziel erreicht.

Ist dieser Beitrag eine Rechtfertigung?
Ja, ist er.
Wenn man in der Öffentlichkeit auftritt, an die Öffentlichkeit herantritt, sollte man sich nicht erst rechtfertigen, wenn man offensichtlich etwas verbockt hat und es damit eigentlich schon zu spät ist. Wir möchten lieber schon im Vorfeld erklären, was wir beabsichtigen und vor allem, was wir nicht beabsichtigen.

Wie wertvoll ist ein Buch für Sie?
Ein Buch, das Ihnen gefallen hat, das Sie mögen, werden Sie nicht wegwerfen. Wenn Sie ein Buch doch wegwerfen, bedeutet das, dass es es Ihnen nicht wert ist, es zu behalten. Falls Sie es aus Platzmangel loswerden wollen, ist es Ihnen also nicht einmal den Platz wert, den es im Schrank einnimmt. Aber sie beabsichtigen damit (hoffentlich) nicht, den Autoren in seiner Person anzugreifen und zu versuchen, seine Arbeit zu zerstören. Es heisst lediglich, dass das Buch nicht Ihrem persönlichen Geschmack entspricht. Und Sie werden dennoch annehmen, dass es Leute gibt, die das Buch eben doch mögen. Die Trennung vom Buch ist also eine persönliche Entscheidung und hat viel mehr mit Ihnen zu tun als mit dem Autor des Buches.

Darf man so mit Büchern umgehen?
Darf man Bücher also in der Form bashen, wie wir es hier tun?
Ja, darf man. Bücher sind keine Heiligtümer. Natürlich gibt es solche und auch ich reagiere deutlich, wenn jemand einem meiner Schätze zu nahe kommt. Aber jene Bucher sind doch in der deutlichen Minderheit.
In sehr viel früheren Zeiten hatten Bücher natürlich einen ganz anderen Stellenwert; das Wissen, Denken und auch Fühlen der Menschheit war ja kaum anders zu konservieren und auf die nachfolgenden Generationen zu übertragen als durch Bücher. Das trifft für das, was heute gedruckt wird, jedoch nur noch in sehr geringem Maße zu. Bücher sind vor allem Gebrauchsgegenstände, Konsumwaren, Dekorationsmaterial. Schauen Sie sich einmal die Bücher an, die bei IKEA in Wandschränken stehen – ihr einziger Zweck ist es, Möbel zu verkaufen!

Noch einmal: Bücher sind nicht heilig! Und ich möchte Sie hier ganz offiziell aufrufen, sich von einer gewissen Verkrampfung freizumachen und mit Büchern selbstbewusster, aufmerksamer und vor allem lockerer umzugehen und dem Beispiel des Films „Der Club der toten Dichter“ zu folgen. In einer frühen Szene fordert der Lehrer seine Schüler auf, einige Seiten aus einem Lehrbuch herauszureißen. Welch ein Aufschrei hat diese Szene seinerzeit ausgelöst, welch eine Revolution wurde da befürchtet, der Untergang abendländischer Kultur, ohjemine. Aber was fordert der Lehrer denn anderes als Bücher zu entmystifizieren und mit ihnen ebenso frei und bewusst umzugehen wie mit anderen Gegenständen?
Im „Club der toten Dichter“ geht es freilich um mehr. Der herausgerissene Text gibt eine mechanische Anleitung zur Bestimmung des literarischen, poetischen Werts eines Buchs. Er bevormundet die Leser und verbietet ihnen, einen eigenen, persönlichen und emotionalen Zugang zum Buch zu finden und verbietet damit, sich auf zutiefst menschliche Weise dem Inhalt nähern oder sich sogar von ihm berühren zu lassen. Das Herausreißen dieses Abschnitts stellt also vor allem den Aufschrei eines Menschen dar, der sich seine Menschlichkeit nicht nehmen lassen will – schon gar nicht von einem Buch! Lassen Sie sich also von Büchern beraten, aber nichts vorschreiben; lassen Sie sich helfen, aber nicht bevormunden. Machen Sie sich Notizen in Büchern, unterstreichen Sie Passagen, löschen Sie Absätze, schreiben Sie um, fühlen Sie sich frei. Seien Sie Dichter!

Und wenn Ihnen gar nichts anderes einfällt, als wirklich einmal ein Buch zu verbrennen, dann besorgen Sie sich doch bitte eine Ausgabe von „Mein Kampf“ oder einem ähnlich widerlichen Machwerk.

Mian Farrow

 

 

 

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Links

 

Bücherverbrennung

„1984“

„Der Club der toten Dichter“

3 Responses
  1. Book bashing » Blog Archive » Ein Essay ist da :

    Date: October 10, 2007 @ 16:36 pm

    […] Essay […]

  2. Joe :

    Date: October 30, 2007 @ 16:28 pm

    Grundsätzlich hätte ich große Lust zu helfen, bzw. zu fotografieren, mit dieser Aktion habe ich allerdings ein Problem (ich hoffe, dass ich mit diesem Comment nicht die gleichen beschränkten Wahrnehmungen erzeuge, wie sie in den letzten Wochen in den Medien verbreitet wurden).

    1) Bücher zu zerstören tut mir in der Seele weh ;(

    2) Der Bezug zum Dritten Reich – aus neutraler Sicht ist es vollkommen normal, dass man sich von Dingen “trennt”, die einem zu wider sind, oder “im Weg” stehen. In der Zeit war es u.a. die Bücherverbrennung. Zitat von http://www.bookbashing.de/blog/essay/ : “[…] Darf man Bücher also in der Form bashen, wie wir es hier tun?
    Ja, darf man. Bücher sind keine Heiligtümer. […].” Natürlich ist es rückblickend immer wieder jammerschade und unglaublich, welche Schätze bei jeder Art von Zerstörung für immer verloren gehen (e.g. Bibliothek von Alexandria, Buddhafiguren von Bamiyan, Gedankengut und Ausdruck jeglicher Glaubensrichtungen und Kultur – auch in Deutschland!). Bei problematischen Themen bin ich für eine neutrale, sachliche Betrachtung aus Sicht der Meta-Ebene.

    3.) Ich mag es nicht, wenn in Deutschland unnötig Anglizismen (bashing) benutzt werden. Das erinnert mich immer wieder daran, wie wenig wert sich die Menschen im eigenen Land fühlen, bzw. zu ihrer eigenen Kultur stehen.

    Kontaktdaten habe ich auf deren Website leider nicht entdeckt. Vielleicht gibt es ja noch einen Gedankenaustausch.

    Viele Grüße
    Joe

  3. Simon :

    Date: October 19, 2008 @ 12:53 pm

    Hallo Anke, Hallo Mian, und alle anderen Beteiligten,

    ich finde es in Ordnung Bücher zu “bashen”, da es nur konsequent und auf andere Weise zu Ende geführt wird, was täglich still und heimlich stattfindet. Dass Milliarden von geschriebenen Wörtern u.a. verbrannt werden. Wie viele Bücher, Zeitschriften etc. werden täglich in Müllverbrennungsanlagen vernichtet ohne dass wir uns das vor Augen führen.
    Dieses mal ganz anders und auf kreative Art aufzuzeigen, finde ich spannend.
    “Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.”
    Diesen Satz Paul Klees möchte ich hier einfach so unkommentiert an dieser Stelle stehen lassen.
    Mich hat eure Aktion, bzw. die Dokumentation hier sehr bereichert, obwohl ich auch ein unwohles Gefühl im Magen habe, wenn ich an Bücherzerstörung denke, aber es tut auch gut, mitzufühlen, dass Bücher nicht heilig sind. 🙂
    Ich wünsche euch weiter viele spannende Momente mit euren Aktionen.

    Viele Grüße
    Simon

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